Über uns

Franz Reichwein – ein tatkräftiger jüdischer Bürger
Ein glühender Verfechter der Turnidee gründete den TV 1895 Steinheim

Der TV Steinheim gehört zu den ältesten Sportvereinen im Kreis Höxter. 1895 wurde der heutige Verein auf Initiative des Druckereibesitzers Franz Reichwein gegründet, einer Persönlichkeit, die bereits zwei Jahre vorher in Bad Driburg den dortigen Turnverein ins Leben gerufen hat.

Reichwein war eine Persönlichkeit, ohne den es den TV 1895 Steinheim vielleicht nicht geben würde. Reichwein war wohl ein national gesinnter Mann und als solcher ein glühender Verfechter der Turnidee des Turnvater Jahn. Friedrich Ludwig Jahn (gestorben 1852) war Initiator der deutschen Turnbewegung, die von Anfang an mit der frühen Nationalbewegung verknüpft war, entstanden mit der Zielsetzung, die Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung vorzubereiten. Die von Jahn und seinen Mitstreitern auf dem Turnplatz in der Hasenheide demonstrierten Vorstellungen von der „Deutschen Turnkunst“ waren im Turnbetrieb ebenso wiederzufinden wie die von Jahn eingeführte Begriffe und Bezeichnungen, die Eingang in die wissenschaftliche Terminologie des Geräteturnens gefunden haben. Damit hat Jahn die Grundlagen nicht nur für den Turnbetrieb, sondern zum großen Teil auch für den heutigen Sportbetrieb geschaffen. Das von Jahn begründete Turnen entwickelte sich zur Sportart Gerätturnen. Die Turngeräte Reck und Barren wurden von ihm eingeführt. Beim TV 1895 gehörten diese Geräte bereits früh zum Sportbetrieb.

In Steinheim hat Reichwein die Aufgabe des 1. Turnwarts übernommen, ihm wurde der Titel eines Turnlehrers verliehen. Im Jahr 1900 verkaufte Reichwein seine Druckerei (heutiger Besitzer Karl Simonowski) und verließ Steinheim mit unbekanntem Ziel. Der Steinheimer Turnverein ließ ihn offenbar nur ungerne ziehen. Bei seiner Verabschiedung ernannte ihn der Verein zum Ehrenmitglied und überreichte ihm ein Diplom. Außerdem behielt er im Vorstand „Sitz und Stimme für alle Zeiten“.

Vom April 1895 existiert im Stadtarchiv der Emmerstadt ein Brief des Druckereibesitzers Franz Reichwein, den er am 22. April 1895 an den Bürgermeister Rhoden schickte. In diesem Schreiben steht: „Im Auftrag mehrerer Herren mache ich Ihnen ergebenst Mitteilung von einer auf Sonntag, 28.ds. Mts. im Lokale des Herrn Ad. Wiethaup hierselbst anberaumten Besprechung behufs Bildung eines Turnvereins und ersuche um gütige Genehmigung desselben.“ Von dieser Versammlung liegen keine Unterlagen und kein Gründungsprotokoll vor. Aber schon am 6. Juni 1895 hat eine vorschriftsmäßig anberaumte Sitzung stattgefunden, zu der 24 Mitglieder erschienen waren.

Vorhanden ist noch die am 16. November 1900 beschlossene Vereinssatzung. Im Verlauf einer Versammlung wurde die bestehende Satzung vom 13. Mai 1895 für ungültig erklärt wurde. Dieser 13. Mai 1895 muss daher als Gründungstermin des Steinheimer Turnvereins „TV 1895 Steinheim“ gelten. Durch Nachforschungen im Archiv des westfälischen Turngaus, den vorhandenen Vereins-Protokollbüchern der Jahre 1888, 1908, 1913 und 1930 und aus dem Archiv von Stadtheimatpfleger Johannes Waldhoff hat der Vereinsarchivar August Waldhoff vor einigen Jahren nachgewiesen, dass in Steinheim schon Jahrzehnte vorher ein Sportverein existierte.

Ein Indiz dafür liefert eine Quelle, die bereits auf einen Turnverein im Jahr 1865 hinweist, 30 Jahre vor dem offiziell angenommenen Gründungsdatum des TV. Nach einem Protokollvermerk waren zu diesem Zeitpunkt mehrere neue Mitglieder aufgenommen worden. 1888 ist dann wieder von einem Sportverein die Rede. Im Zuge diverser Quellenforschungen tauchte ein Bild auf, das den Vereinsgründer Franz Reichwein zeigt. Reichwein war eine schillernde Figur, die zwei Jahre vorher schon den Turnverein Bad Driburg gegründet hat und dort 1893 bis 1894 Vereinsvorsitzender war.

„Turnen nur mit tadellosem Charakter“

Reichwein hat in Bad Driburg ine Denkschrift erstellt hat, die das Turnen und seine Bedeutung erläuterte. Darin hieß es, dass „jeder männliche Driburger, der 17 Jahre und von tadellosem Charakter war“ turnen durfte. Sieht man sich das Umfeld der ostwestfälischen Ackerbürgerstadt Steinheim an, wird schnell deutlich, dass die Gründung eines Turnvereins viel Überzeugungsarbeit voraussetzte. Es ist auch zu vermuten, dass durch das wachsende Möbelhandwerk viele fremde Handwerker und wandernde Gesellen nach Steinheim kamen und Mitglieder im Turnverein wurden. Die landwirtschaftlich geprägte Bevölkerung dürfte vor über 120 Jahren aber recht wenig Verständnis für die Turnerei gezeigt haben, in einer Zeit, in der ein zwölfstündiger Arbeitstag in Landwirtschaft und Handwerk üblich war. Die Menschen suchten ihre Entspannung eher im erholsamen Schlaf. In großen Teilen der Bevölkerung herrschte die Meinung vor, dass: Turnen Kräftevergeudung sei.

Dokumente belegen, dass Turnen in Steinheim einst einen hohen Stellenwert hatte. Diesen Schluss lassen die Unterlagen des ostwestfälischen Turngaus zu. Der TV Steinheim zählte in der Zeit zwischen 1900 und 1929 zu den aktivsten Vereinen im gesamten Turngau. Bereits fünf Jahre nach Gründung hat der TV 1900 Steinheim den 5. Gauturntag aus, mit dem sich ein großer Prestigegewinn für die Emmerstadt verband. Auch die Emanzipation im Turnen fand in Steinheim statt. Bereits 1909 hat eine Damenriege bestanden, in die auf Anhieb 13 Mitglieder eintraten. 1924 treten erstmals die Damen an, sie bekamen dem 29. Stiftungsfest den Staus einer eigenen Abteilung. 1926 sind unter den 164 Mitgliedern alleine 39 Frauen.

Geturnt wurde einst auf dem Jahnplatz im Alten Hagen geturnt. 1949 existierte eine Emmerkampfbahn, der Fußballverein SV 21 Steinheim bildete einst eine Abteilung des TV 1895. Zu den festen Ritualen gehörte es, dass Kaisers Geburtstag in regelmäßigen Abständen zum Anlass von Feierlichkeiten genommen wurde – mit einer Festrede, mit Turnübungen und Musik. Aus der Historie wird das Bemühen des Vereins erkennbar, eine eigene Sporthalle zu bekommen, was jedoch nie gelungen ist. Geturnt wurde in einer Halle, die heute Teil der Stadtwerke im Altenhagen sind.

Bild Reichwein:
Franz Reichwein (links, sitzend) war ein glühender Verfechter der Turnidee. Er hat 1895 den TV Steinheim ins Leben gerufen, nachdem er zwei Jahre vorher den Turnverein Bad Driburg gegründet hatte.

Bild 2:
Die Emmerstadt war in der Region immer eine Hochburg des Turnens.